Eine aktuelle Studie von Infosys stellt deutschen Unternehmen in Sachen Digitalisierung ein schlechtes Zeugnis aus. „Setzen, Sechs“, könnte man sagen – wieder einmal.

Die Gründe für ein solch schlechtes Abschneiden sind vielfältig. Am wichtigsten, gaben die Befragten der Studie an, seien der fehlende Wille oder die fehlenden Möglichkeiten, digitale Kompetenzen aufzubauen. Der Wandel von einer risikoscheuen Organisation hin zu einem experimentierfreudigen Unternehmen (43 Prozent) sowie ein fehlendes Change Management (43 Prozent) folgten auf Platz zwei und drei.

Ich bin, gelinde gesagt, erschrocken. Deutschland ist ein Hightech-Land. Eine Wirtschaftsnation, die durch Innovationen und Fleiß groß geworden ist. Und dennoch stehen wir in Sachen Breitbandausbau, Mobilität, erneuerbaren Energien und eben auch bei der Digitalisierung weit hinten.

Mir kommt eine Reportage im TV in den Sinn. Der Bürgermeister von Tallinn, der Hauptstadt Estlands, wurde gefragt, wie man es geschafft habe, selbstfahrende Busse flächendeckend einzuführen. Die Antwort war so knapp und so logisch, dass man nichts weiter dazu sagen konnte. Sie lautete: Wir haben es einfach gemacht. „Machen ist wie wollen, nur krasser.“ Was zeigt uns das? Es gab eine eindeutige Willensbildung und dann eine eindeutige Entscheidung. Umsetzung folgte. Nun sind Unternehmen nicht zwangsläufig mit staatlichen Behörden zu vergleichen, ticken aber in Teilen oftmals ähnlich. Dies gilt vor allem für ihre Behäbigkeit, Veränderungen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch auf sie zu reagieren.

Und Zack! Hier haben wir den Unterschied. Wir alle, Sie und ich, nehmen die Veränderungen der Digitalisierung wahr. Dies gilt im Großen, wie im Kleinen. Wir surfen im Netz, mobil. Wir kaufen online. Wir haben PC, Laptop, Tablet, Smartphone und vielleicht sogar schon ein SmartHome. Und trotzdem schaffen wir es nicht, eine Vision zu entwickeln, was wir mit dieser Digitalisierung nun anfangen wollen und können. Geschweige denn, dass wir positiv gestimmt auf sie zugehen, sie annehmen und Maßnahmen erarbeiten. Ideen, wie das eigene Geschäft umgestaltet werden kann, sind rar. Automatisierung ist nicht gleich Digitalisierung.

Neue Ansätze könnten in der Personalentwicklung beginnen, insofern, als dass Mitarbeiter jedweder Stufe und jeglichen Alters digital fortgebildet werden. Realitätsverweigerer sterben halt einfach aus, wie die Dinosaurier. Und es endet darin, neue Geschäftsmodelle auf Basis neuer Technologien zu entwickeln. Und hierbei im Blick zu halten, dass diese nicht reiner Selbstzweck sind. Denn sie müssen die wandelnden Verhaltensmuster der Kunden berücksichtigen. Achtung Buzzword: Sie müssen Mehrwert schaffen.

Wenn ich bei adidas auf die Homepage gehe, kann ich mir einen Schuh aussuchen und ihn komplett nach meinen Wünschen gestalten. Ich kann Schnürsenkelfarben wählen, meinen Namen aufdrucken lassen und weitere Dinge einstellen. Mehrwert! Und vielleicht kommen die neuen Treter demnächst sogar aus dem 3D-Drucker, der wiederverwertetes Material nutzt.

Wenn ich als Kunde eine Versicherung benötige, erhalte ich gefühlte 40-Seiten Papier in Juristendeutsch. Mit Glück als PDF. Liest sich quasi kein Mensch durch. Versteht quasi auch keiner – selbst mancher Mitarbeiter nicht. Mehrwert? Fehlanzeige. Also ok, wenn ich unterschreibe, werde ich versichert. Für was auch immer.

Es gibt so viele Regularien, heißt es dann in Deutschland. Im anglo-amerikanischen Raum ist alles viel einfacher. Und das ist wohl auch richtig. Aber auch hier gibt es Mittel und Wege. Der eine wäre massive Lobbyarbeit. Gesetze sind, auch in diesen Landen, nicht in Stein gemeißelt. Ob hier etwas passiert, ist vorerst zweifelhaft. Denn es bedeutete, einen Markt aufzuweichen, in dem man wie die Made im Speck sitzt. Der andere Weg wäre, sich die Nischen zu suchen, die bedient werden können. Dafür braucht es Chuzpe. Und es braucht Kompetenzen.

Dass es mit den Kompetenzen sogar beim Nachwuchs nicht weit her ist, belegt auch die Beobachtung des Bildungssystems. Der Bildungsmonitor der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) zeigt auf, dass Deutschland im internationalen Vergleich deutlichen Nachholbedarf bei IT-Fähigkeiten besitzt. Als Grund wird die schlechte Infrastruktur im Bildungssystem genannt. Schulen seien vielfach schlicht zu schlecht ausgestattet, um Fächer wie Programmieren zu unterrichten. Auch fehle es offenbar dem Bildungspersonal an ausreichenden Kompetenzen, diese Fähigkeiten auszubilden.

Ich wünsche mir mehr Mut zu neuen Wegen. Wenn wir den Tanker nicht zum Schnellboot machen können, setzen wir doch einfach Beiboote aus. Treten wir aufs Gaspedal, der Kunde wartet schon.

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